Nostalgie ist die härteste Droge

Als ich jünger war, fand ich es noch witzig, wenn meine Eltern voller Hingebung ihre uralten Serien aus den 60er und 70ern immer und immer wieder ansahen. Dieses komplett schlecht und billig gemachte Zeug, womit ich meist wenig anfangen konnte. Heute verstehe ich sie so gut. Wenn ich ein Super Nintendo oder altes PC-Game sehe, verfalle ich sofort in massive Nostalgie und will die Games am besten sofort nochmal spielen, völlig egal wie grauenhaft die Optik nach heutigen Standards ist. Bei Nostalgie geht es halt nicht um Logik, sondern um das Gefühl was man dabei bekommt und genau dieses Gefühl ist meiner Meinung nach eine der härtesten Drogen überhaupt. Es wirkt außerdem auch so, als wäre praktisch niemand immun dagegen.

Eine universale Wahrheit?

„Früher war alles besser”. Das war die voice line, die in Pizza Connection 2 spielte, wenn man eine Oma oder einen Opa angeklickt hat. Es ist ein übliches Klischee, dass alte Leute so reden, doch wenn man selbst in die Jahre kommt, erkennt man, was es mit dieser Aussage eigentlich wirklich auf sich hat. Denn diese Aussage scheint eine universelle Wahrheit des Universums zu sein. Es war früher einfach objektiv immer besser! Weil warum würde es sonst jede Generation sagen? Dies ist keine neumodische Erscheinung oder irgendwas, das haben Leute in der Geschichte schon immer gesagt. Heute sagen Leute in den 90ern oder den 2000ern war alles besser. Damals gab es noch anständige Videogames und gute Filme! Und sowieso war die Gesellschaft viel besser und es lief nicht jeder mit einem Handy vor der Fresse rum und alles war nur noch AI. Nur Leute in der Zeit sagten schon in den 70ern und 80ern war alles besser. Und davor war alles besser vor dem Krieg und dann war alles besser vor dem Krieg und das geht immer so weiter. Selbst das Mittelalter wird von einigen Leuten komplett romantisiert, was in dieser Zeit selbst viele furchtbar fanden. Diese meinten in der Antike war alles besser, als noch anständiges Latein geschrieben wurde! Die Römer sagten damals sicher auch früher zur Zeit der Alten Griechen war alles besser und diese schrieben bekanntermaßen auch wie vor deren Zeit alles viel besser war.

Wir müssten wohl zurückgehen bis zu unseren Vorfahren, wo dann sicher alles noch total geil war, weil uns noch keine Technologie vom echten Leben abgelenkt hat. Ich weiß nicht, ob die frühen Menschen ein Konzept von Nostalgie hatten, aber wenn, dann könnt ihr euch sicher sein, die dachten auch früher war alles besser. Daran sieht man aber, es kann früher einfach nicht besser gewesen sein. Denn die Vergangenheit, die für einen selbst nostalgisch erscheint, war für andere wiederrum deren beschissene Gegenwart, in der sie eine andere Zeit zurückhaben wollten. Hilft dieses Wissen aber gegen den Drang zur Nostalgie? Nein.

Das warme Gefühl der Vergangenheit

Ich bin auch der festen Überzeugung wir können gar nicht wirklich was dafür. Ich bin kein Arzt, aber ich muss auch keiner sein, um zu wissen das menschliche Gehirn schüttet irgendeine Art Hormon oder Signal aus, wenn wir mit etwas in Verbindung kommen, was uns an früher erinnert. Es ist vielleicht nicht genau dasselbe, wie es bei Drogen der Fall ist, da ich noch nie davon hörte, dass Menschen Entzugserscheinungen von Nostalgie haben können, aber ich mir trotzdem sicher es ist recht ähnlich. Ich denke es liegt daran das positive Gefühl, was man bei Nostalgie erhält, ist nicht stark genug dafür. Was aber nicht heißt, Leute würden sich nicht trotzdem immer wieder danach sehnen.

Wie oft denke ich darüber nach, wie toll Dinge damals waren? Damals als ich noch jeden Tag im Kartenladen abhing und Yu-Gi-Oh gesuchtet habe. Wo ich auf Turnieren war und mein Deck mit jedem neuen Booster upgraden wollte. Außerdem lief damals auch noch die Serie davon und war mega unterhaltsam. Diese Zeit war wirklich ein sehr großer Abschnitt meines Lebens und ich sehne mich quasi jeden Tag danach zurück. Vor ein paar Jahren kam Master Duels raus, wo ich dachte hey vielleicht mal gucken, wie Yi-Gi-Oh heutzutage so ist (ich hörte auf als Link Monster rauskamen). Ich meine immerhin kann man jetzt Waifu-Decks bauen! Leider ist es aber inzwischen einfach ein komplett anderes Game. Ihr könnt mir sagen was ihr wollt, aber das ist nicht mehr dasselbe Spiel von damals. Die späteren Serien vom Anime waren ebenso shit btw. Früher war das Game viel besser! Ist das eine objektive Aussage? Wahrscheinlich ist es das nicht. Es war früher einfach ein anderes Game als heute und einige mögen das neue Game und andere mochten das alte Game.

Alles für die Nostalgie

Dass ich überhaupt hier bin und diesen Artikel auf diesem Blog scheibe, ist auch nur wegen Nostalgie. Weil selbst wenn man hier heute eine Stecknadel fallen lassen hören kann, erinnere ich mich an die guten alten Zeiten, als Anime Blogs noch a thing waren und ich einer der bekanntesten davon. Als Artikel noch 5 Kommentare erhielten, 3 Stunden nachdem ich sie gepostet hatte und Leute auf Conventions auf mich zukamen wegen dem Blog. Jaja das waren noch Zeiten und ich weiß es wird nie wieder so werden. Nur alleine hier zu sein und das gleiche zutun wie damals, gibt mir dieses warme Gefühl der Nostalgie. Denn auch wenn das Ausbleiben von Nostalgie vielleicht keine starken Entzugserscheinungen auslöst, so tun Menschen doch einiges es zu fühlen.

Große Firmen haben dies schon lange erkannt, weswegen wir hunderte Reboots und Remasters von einfach allem kriegen. Wie viele Versionen von Skyrim gibt es schon? Egal weil erinnert ihr euch noch als Bethesda Elder Scrolls Games gemacht hat? Das witzige ich mochte Skyrim nicht einmal besonders, aber trotzdem man, damals gab es sowas jedenfalls überhaupt noch. Heutige Streamingdienste leben sicher auch fast nur von Nostalgie, indem sie Leute die Serien und Filme von damals schauen lassen. Ich spreche hier aus Erfahrung, weil ich hatte kurze Zeit mal Disney plus und habe da auch einfach nur Serien von früher geguckt. Weil der neue Kram den sie machen ist mir scheiß egal, ich will den alten stuff! Mit Nostalgie lässt sich gut Geld machen, wie mit jeder anderen Droge auch und es ist sogar vollkommen legal.

Warum Nostalgie funktioniert

Ich sehe 2 Faktoren dafür, warum Nostalgie so einen wichtigen Platz für Menschen hat. Zum einen erinnern wir uns immer nur an Extreme aus der Vergangenheit und nie an das dazwischen. Nicht jede Erinnerung ist gut. Aber jede gute Erinnerung ist die mit Abstand beste Sache aller Zeiten. Weil war Studium nicht geil? Klar ich hatte keine Geldsorgen oder Zukunftsängste wie heute, aber eigentlich war ich dafür auch jahrelang nur im Dauerstress, der mich sogar körperlich und seelisch schwer krank machte. Bei anderen Studienfächern gibt es ja Semesterferien, aber für mich hieß das nur die Uhr tickt, bis ich meine 2 Hausarbeiten fertighaben muss. Sobald das nächste Semester startete, ging es schon los mit der Planung der nächsten und immer so weiter. Ich würde aber alles dafür geben, noch einmal dort zu sein! Besonders auch deswegen, weil es eben schon vergangen ist. Ich denke nämlich der zweite wichtige Punkt ist Menschen fürchten sich vor der Zukunft. Ich fühle mich jetzt schon alt, wie geht es mir erst einmal, wenn ich in meinen 40ern oder 50ern bin? Denke ich mich jedoch zurück in die Vergangenheit, existieren diese Ängste nicht. Denn dann wüsste ich ja schon genau was vor mir liegt. Klar irgendwann würde man wieder im Jetzt sein, aber das wäre ja noch lange hin. Erstmal wüsste man aber genau was vor einem liegt, plus man könnte nochmal die guten Zeiten richtig auskosten, bevor sie wieder vorbei sind.

Man kann nicht wirklich in diese Zeit zurück, aber alleine der Gedanke daran… Zurück in die Zeit wo alles in Ordnung schien, weil man all sie schlimmen Sachen einfach schon wieder vergessen hat und dazu noch keine Sorgen wegen einer ungewissen Zukunft haben muss, weil man schon genau weiß, was passieren wird. Das zusammen mit diesem warmen Gefühl, was das Gehirn einem dabei gibt. Es ist wirklich schwer, nicht ständig an die guten Sachen aus der Vergangenheit zu denken. Als ich noch jünger war und mir nicht ständig die Knie wehtaten. Als mein Blog noch viele Besucher hatte. Als ich noch Freunde in real life hatte. Als meine Eltern noch nicht alt waren und ich mir Sorgen machen musste, was ich tue wenn sie mal sterben. Als ich noch nicht arbeitslos auf die 40 zuging. Ist das etwa der offizielle Beginn meiner Midlife-Crisis? Ich denke ich bin da ganz ehrlich schon mittendrin. Sicher einer der Gründe, warum ich meinen Blog wiederhaben wollte. Das ist wie wenn sich jemand in seinen 40ern einen Sportwagen kauft, um sich wieder jung zu fühlen.

Früher war nicht alles besser

Selbst wenn ich stark der Nostalgie verfallen bin, so weiß ich doch tief drin, dass früher nicht alles besser war. Es gibt absolut Dinge, die damals besser waren. Wie bei dem Beispiel mit Yu-Gi-Oh ist es oft aber eher so, dass Dinge damals einfach anders waren. Ich mochte Dinge so wie sie damals waren, doch andere müssen dem nicht unbedingt zustimmen. Ich mochte Yu-Gi-Oh als es simpel und slow war. Sehr viele mögen aber das aktuelle Game mit 10 Minuten Kombos, wo man unfassbar viel beachten muss. Ansonsten wäre das Spiel nämlich längst tot, aber es gibt weiterhin Turniere und ständig neue Karten. Es gibt vielleicht sogar 3 Menschen auf der Welt, die das Rush Anime davon mochten.

Interessant wird es auch, wenn man diese Idee auf Animes anwendet. Waren Animes früher besser als heute? Vielleicht, aber welche Zeit ist hier eigentlich gemeint? Waren Animes besser in den 2000er Jahren, in den 90ern, in den 80ern? Ich weiß viele Leute in meinem Alter würden sagen Animes waren am besten in den 2000er Jahren und es sollte auch klar sein wieso. Denn dies war die Zeit, wo man selbst wirklich stark damit anfing Serien zu konsumieren und ein Fan davon wurde. Natürlich sehnt man sich dann in genau diese Zeit von Animes zurück, denn damals war alles noch super. Als man noch mehr Freunde hatte und jünger war und weniger Stress und Verpflichtungen hatte und den ganzen Tag mit seinen Freunden Animes gucken konnte… Natürlich waren Animes dann damals besser, weil die Zeit für einen persönlich einfach besser war oder rückblickend einfach besser erscheint.

Ich habe zu dieser Zeit aber sehr viele Animes geguckt und weiß da lief auch unfassbar viel Schrott. Ich beschwere mich heutzutage oft genug über all die beschissenen Isekai Anime, aber dafür gab es damals genug schlechte school/comedy/harem Anime. Heute sind es halt vermehrt Isekai Harem Anime, aber den gleichen stuff gab es damals auch schon, nur damals war es einfach meist ein Schulsetting. Gerade aktuell fällt es mir sehr stark auf, weil ich eben einfach mehr ältere Serien nachhole. Ältere Animes sind nicht einfach automatisch besser und ich würde sogar behaupten durchschnittlich eher schlechter, wegen schlechterer Produktion. Damals war es noch schwerere Animes zu machen als heute und deswegen gab es ständig Standbilder und/oder off Model Zeichnungen. Ja das gibt es heute auch noch, aber ich würde behaupten durchschnittlich seltener.

Ich will hier jetzt übrigens nicht der Gegenidee verfallen und sagen Animes sind heute objektiv besser als damals. Sowas lese ich nämlich auch oft genug und denke dann nur “boah alter”. Wenn Leute dann verwundert sind es gab vor 20 Jahren schon Animes mit guten Animationen, weil junge Leute scheinbar glauben Animes funktionieren wie Videogames und mussten erstmal Grafikupdates bekommen. Nein es gab damals gute und schlechte Animes und heute gibt gute und schlechte Animes und es wird nächstes Jahr auch gute und schlechte Animes geben. Aber damals waren sie immer besser, denn ich erinnere mich natürlich nur an die 10 besten der letzten 10 Jahre und nicht die 200 schlechten.

Was war damals besser?

Ich sagte ja es gab wirklich Dinge, die damals besser waren. Also jedenfalls bin ich persönlich der festen Überzeugung an zwei Stellen werden Dinge einfach immer schlechter. Diese zwei Dinge wären für mich Movies und Videogames. Wenn ich eine Liste meiner Top 10 Movies und Top 10 Videogames machen würde, dann wäre da sicher kaum etwas Modernes zu finden. Ich weiß auch sehr viele Leute würden mir da zustimmen, also besonders bei Videogames. Wie schon erwähnt wir kriegen nicht ohne Grund jedes Jahr eine neue Version von Skyrim und Oblivion hatte schon sein offizielles Remake und erhält dann auch noch sein inoffizielles. Fast alle Franchises die ich mal gemochte habe, sind tot oder einfach nicht mehr spielbar. Ich spiele auch heute immer noch Die Siedler 2 & 3, weil auch wenn ich Teil 4 sicher irgendwann nochmal zocken muss, ist alles danach einfach schlecht. Final Fantasy? Teil 10 war der letzte gute Teil. MMORPGs? Jeder will nur die noch die classic Versionen davon spielen und neue failen entweder hart oder erscheinen gar nicht erst. Wann hat Blizzard das letzte Mal ein gutes Game gebracht? Existiert das RTS-Genre eigentlich offiziell noch? Soweit ich weiß, spielen da alle weiterhin ihre 20 Jahre alten Games.

Der Unterschied ist halt Gaming Studios sind wirklich schlechter geworden oder jedenfalls die großen davon. Die Zukunft liegt wenn überhaupt bei Indie Games und ja dort gibt es inzwischen auch schon wirklich gute und ich hoffe auch auf mehr in der Zukunft, damit man vielleicht irgendwann positiv auf unsere Zeit zurückblicken kann. Trotzdem vermisse ich aber die alten Franchises, weil Nostalgie eine üble Droge ist.

Bei Filmen sieht es ähnlich für mich aus. Ich vermisse die Zeiten als Disney und andere Studios noch 2D Filme gemacht haben und nicht alles nur 3D war. Ich vermisse auch Zeiten als nicht jeder Film Teil eines Film-Univerums sein musste und echte Effekte beim Filmen benutzt wurden. Heute wird ja gefühlt jeder Film nur noch komplett in einem Greenscreen gefilmt und den Rest packen sie dann später dazu. Dadurch wirkt einfach alles nur noch Fake. Ich vermisse auch die Zeiten als James Cameron noch geile Blockbuster gemacht hat, bevor der Rest seines Lebens dazu wurde die most generic Filmreihe of all time zu drehen, weil neue 3D Technik cool ist und so. Erinnert ihr euch noch als Star Wars Filme ein big deal waren? Vor kurzem kam ein neuer in die Kinos und ich glaube no one gave a fuck. Ihr dürft mir jetzt gerne unterstellen da spricht nur die dumme Nostalgie aus mir, aber ich bin wirklich überzeugt dieses Genres waren früher einfach besser. Ob dies dann auch wirklich stimmt, ist eine andere Frage.

Fazit

Früher war nicht alles besser, aber auf jeden Fall alles anders. Oft vermisst man genau dieses andere, weil sein Gehirn sich nur an die Höhepunkte der Vergangenheit erinnert und die Vergangenheit wirkt, als gab es damals keine Sorgen. Egal wie rational ich an dieses Thema herangehe, mein Gehirn wird nicht aufhören mir zu sagen: Früher war alles besser, willst du nicht noch ein wenig in deinen Erinnerungen schwelgen? Das witzige manchmal merkt man dann sogar wirklich, dass seine nostalgischen Erinnerungen falsch waren. Manchmal grabe ich nämlich Videogames von damals aus und finde sie nach heuten Standards grauenhaft und unspielbar. Manchmal erlebe ich aber auch genau das Gegenteil und denke dann warum gibt es sowas gutes heute nicht mehr? Denn ja, einiges war früher wirklich besser.

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